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Einleitung

Anhand der folgenden Zusammenstellungen können besondere oder aussergewöhnliche Begabungen von Kindern recht gut erkannt werden.

Werden überdurchschnittliche Fähigkeiten vermutet, empfehlen wir mit Kindern ab 6 Jahren, ohne zu zögern, Begabungsabklärungen durch spezialisierte Psychologen durchführen zu lassen. Die diagnostischen Testverfahren sind heute sehr zuverlässig und geben Auskunft über die verschiedenen Begabungen. Sie bilden die Grundlage für eine gezielte Förderung, die – entgegen der immer noch vorherrschenden Meinung – insbesondere bei ausserordentlich Begabten möglichst früh einsetzen sollte.

Früherkennung besonderer Begabungen im Alter von 4 – 7 Jahren

(Quelle: Frau Dr. Ulrike Stedtnitz und Frau Barbara Wirz, Dipl. Psychologinnen, Zürich)

Die nachfolgende Liste beinhaltet Eigenschaften, die Kinder mit überdurchschnittlichen Fähigkeiten aufweisen können, aber nicht müssen.

Sprachliche Fähigkeiten

Ihr Kind

  • hat einen reichhaltigen Wortschatz und kann sich gewählt ausdrücken. Manchmal stösst es unbeabsichtigt Gleichaltrige mit differenzierten Ausdrücken vor den Kopf.
  • hat ein gutes Gedächtnis für Gedichte, Lieder und Geschichten.
  • lernt schon vor der Einschulung ohne grössere Hilfe lesen und beschäftigt sich dann vielleicht sogar mit Nachschlagewerken und Lexika. Seine Begeisterung fürs Lesen hält an.

Mathematische Fähigkeiten

Ihr Kind

  • bevorzugt Spiele, die eher vom Kombinationsvermögen (Organisieren, Sortieren, Klassifizieren) und weniger vom Glück abhängen.
  • stellt früh von sich aus Vergleiche an wie grösser-kleiner, länger-kürzer, höher-niedriger.
  • zählt schon früh über Zehn oder Zwanzig hinaus.
  • stellt und löst einfache Rechenaufgaben.

Sozial-emotionale Fähigkeiten

Ihr Kind

  • ist kontaktfreudig und geht offen auf andere zu. Es sucht und findet mit Leichtigkeit Spielkameraden, oft verschiedenen Alters.
  • zeigt einen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn.
  • zeigt viel Mitgefühl für andere und ist sensibel für die Gefühle anderer.
  • beschäftigt sich gerne und viel mit Rollenspielen und „Theaterlis“.
  • zeigt einen aussergewöhnlichen Sinn für Humor.

Visuell-räumliche Fähigkeiten

Ihr Kind

  • geht äusserst geschickt mit Lego, Puzzles und Konstruktionsspielen um.
  • kann sich an einem fremden Ort schnell räumlich orientieren, es erkennt mit Leichtigkeit Orte wieder, wo es schon einmal war.
  • ist für „schöne“ Dinge (Blumen, Farben, Ästhetik) besonders empfänglich und legt auf Dinge wie Kleidung oder seine Zimmereinrichtung viel Wert.

Bewegungsorientierte Fähigkeiten

Ihr Kind

  • ist ein „Bewegungstalent“: Es wirkt grossmotorisch geschickt und zeigt auffallendes Talent und Interesse für eine oder verschiedene Sportarten.

Musikalische Fähigkeiten

Ihr Kind

  • reagiert sehr sensibel auf Musik
  • äussert wiederholt den Wunsch, ein Musikinstrument spielen zu wollen

Naturbezogene Fähigkeiten

Ihr Kind

  • sammelt altersuntypische Dinge und eignet sich über diese ein ungewöhnliches Spezialwissen an (z.B. Dinosaurier, Mineralien).
  • interessiert sich intensiv für Pflanzen und Tiere
  • kocht gerne
  • zeigt ein starkes Interesse für Orte wie den Zoo oder ein Planetarium.

Erkennung besonderer Begabungen im Grundschulalter

(Quelle: Schulversuch I, Erziehungsdirektion Bern, ergänzt)

Besonders begabte Kinder können zu Hause und in der Schule einzelne oder mehrere der folgenden Eigenschaften oder Verhaltensweisen zeigen:

  • sehr gutes Gedächtnis
  • grosser Wissensdurst, Neugier
  • hohe Lern- und Verständnisleistungen
  • Beharrlichkeit bei Aufgaben, welche besonders anspruchsvoll sind
  • Sprachgewandtheit mit reichhaltigem Wortschatz
  • arbeiten fehlerlos bei Interesse, flüchtig bei Desinteresse
  • suchen eigene Lösungswege
  • vermeiden oder hassen Routinearbeiten
  • wollen Zusammenhänge und den Sinn kennen
  • überraschen mit Spezialwissen
  • sind mit gestellten Aufgaben rasch fertig
  • langweilen sich im Normalunterricht, sagen dies zu Hause aber meistens nicht
  • haben einen starken Eigenwillen und das Bedürfnis nach Selbständigkeit
  • sind Einzelgänger oder oft mit älteren Kindern zusammen
  • haben oft einen besonderen, überraschenden Humor
  • sind oft hyperaktiv

Verhaltensauffälligkeiten bei Unterforderung im Kindergarten und in der Schule

(Quelle: Lichtblick für helle Köpfe von Joëlle Huser, Interkant. Lehrmittelzentrale)

Für besonders begabte Kinder kann der Kindergarten und die Volksschule oft zur Qual und zu einer langen Leidenszeit werden.

Unterforderung kann verschiedene der folgenden Verhaltensauffälligkeiten auslösen:

Nach kurzer Zeit der Unterforderung (Tage, Wochen) können Mädchen und Jungen

  • demotiviert werden
  • nur noch das Minimum leisten
  • bewusst Fehler machen
  • lustlos und flüchtig arbeiten
  • heftige Gefühlsreaktionen zeigen
  • in eine Traumwelt flüchten und den Unterricht ausblenden

Nach längerer Zeit (Wochen, Monate) der Unterforderung können

Mädchen

Gefühle von Traurigkeit, Schuld, Wertlosigkeit und Hoffnungslosigkeit zeigen

  • sich zurückziehen
  • den Zorn gegen sich selber richten
  • depressiv werden, anstatt sich zu wehren
  • Schlaf- und Essstörungen, Kopf- und Bauchschmerzen entwickeln (die oft während der Ferien verschwinden)

Jungen

  • Zorn gegen die Aussenwelt entwickeln
  • aggressiv gegen Schulkameraden oder gegen Familienangehörige werden
  • den Klassenclown spielen
  • den Unterricht stören

Nach mehreren Jahren der Unterforderung können Mädchen und Jungen die folgenden Merkmale zeigen:

  • Antriebsarmut
  • starker Verlust von Selbstvertrauen
  • das Gefühl der Hilflosigkeit kann kaum mehr aus eigenem Antrieb überwunden werden
  • Leistungsdefizite sowie gravierende Wissenslücken in verschiedenen Bereichen
  • sozialer Rückzug
  • neurotische oder depressive Störungen, die bis ins Erwachsenenalter anhalten

Verhaltensmerkmale besonders Begabter bei Nichtförderung und bei Förderung

(Quelle: Jutta Billhardt „Hochbegabte, die verkannte Minderheit“, Lexika Verlag)

Die folgende Tabelle gibt zusammenfassend negative und positive Verhaltensmerkmale bei Nichtförderung und bei Förderung.

Die Merkmale scheinen extrem formuliert zu sein, sind aber zutreffend. Tatsache ist, dass viele ausserordentlich begabte Kinder in unserem Schulsystem grosse Schwierigkeiten haben; verbunden mit unsäglichen Mühen und Sorgen für die betroffenen Kinder und Eltern.

Verhaltensmerkmale besonders begabter Kinder

Negative Verhaltensmerkmale bei Nichtförderung Positive Verhaltensmerkmale bei Förderung
  • stellen jegliche Neugierde ein
  • trauen sich nichts mehr zu
  • stehen morgens nicht auf
  • haben keine Geduld mehr
  • äussern Unmut oder Langeweile
  • verlieren das Selbstvertrauen
  • Streit ist geistige Betätigung
  • wirken aggressiv
  • werden zum Klassenclown
  • gelten als „verhaltensauffällig“
  • äussern „keiner versteht mich“
  • ärgern den Klassennachbarn
  • gelten oft als hyperaktiv
  • versagen in der Schule
  • empfinden Nichtförderung als Liebesentzug
  • werden zum Träumer
  • versuchen, nicht aufzufallen
  • stellen jegliche Mitarbeit ein
  • spielen nicht mehr mit anderen
  • machen absichtlich Fehler
  • verlieren jegliches Interesse
  • bekommen Angstzustände
  • bekommen „Ticks“
  • leiden unter psychosomatischen Beschwerden, wie Kopf- und Bauchschmerzen reagieren mit ernsthaften psychischen Erkrankungen wie Depressionen, Mager- oder Fettsucht, flüchten in Drogen oder Alkohol können suizidgefährdet werden.
  • lieben alles Neue
  • sind hochmotiviert, interessiert
  • sind kompromissbereit
  • sind mutig
  • haben einen Hang zur Perfektion
  • denken übergreifend
  • lieben unübliche Lösungsvorschläge
  • stellen unentwegt Fragen
  • verfügen über schnelle Auffassungsgabe
  • hohe Abstraktionsfähigkeit
  • hohe Konzentrationsfähigkeit
  • hohes Ausdauervermögen
  • hohe Leistungsfähigkeit
  • erstellen treffende Situationsanalysen
  • handeln bei Ungerechtigkeiten
  • lieben Herausforderungen
  • entwickeln soziale Kompetenz
  • lieben Diskussionen
  • haben auch nicht immer gute Noten
  • lassen Kameraden oft abschreiben
  • sind sehr selbstbewusst
  • wirken ausgeglichen
  • haben Interesse für altersunübliche Themen
  • überspringen Schuljahre spielen lieber mit älteren Kindern lieben neue Technologien sind gute Klassensprecher

Begabungsabklärungen und Beratungen

Treten bei einem Kind als Folge von Unterforderung im Kindergarten oder in der Schule negative Verhaltensmerkmale auf, ist rasches Handeln angezeigt. Jede Woche des Zuwartens verschlimmert das Problem. Eltern und Lehrkräften wird empfohlen, ihre Beobachtungen auszutauschen.

Professionelle Hilfe leisten die folgenden Stellen:

Öffentliche Stellen: Kantonale Erziehungsberatungsstellen, Schulpsychologischer Dienst, Kinder- und Jugendpsychiatrischer Dienst. Die Dienstleistungen der Kantonalen Erziehungsberatungsstellen sind für die Eltern kostenlos. Sie können in der Regel jedoch erst konsultiert werden, wenn bereits ernsthafte Probleme aufgetreten sind. Reine Begabungsabklärungen werden nicht gemacht und die Berichterstattung kann aus Zeitgründen oft nur summarisch erfolgen.

Im Rahmen des Programms zur Förderung besonders begabter Kinder, welches vom FBK angeboten wird, können Eltern ihre Kinder ab ca. 6 Jahren beim Institut für forensische Kinder- und Jugendspychiatrie- psychologie, und –beratung in Bern auf ihre Begabungen abklären lassen.

Die Kosten betragen Fr. 800.-.

Private Stellen für Begabungsabklärungen und Begabungsförderung mit hoher Kompetenz gibt es nur wenige in der Schweiz und die Kosten müssen von den Eltern übernommen werden. Für eine umfassende Abklärung mit schriftlichem Bericht und mit einem eingehenden Elterngespräch ist mit Fr. 1’500.- bis Fr. 2’000.- zu rechnen. Damit erhalten Eltern jedoch umfassende Angaben über das Potenzial und die Fördermöglichkeiten ihres Kindes.

Der FBK kann Eltern bei der Wahl der geeigneten Abklärungsstelle beraten.

FBK Beratungstelefon:  Kontakt

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